Kursleiter-Interview – Wie geht Deutschlernen

Warum lernen Menschen Deutsch?

Das ist unterschiedlich. Einige möchten in Deutschland arbeiten oder studieren und brauchen dafür einen Nachweis, dass sie ein bestimmtes Sprachniveau haben. Manche haben eine/n Deutsche/n geheiratet. Menschen aus nicht EU-Staaten, das sind oft Flüchtlinge oder Migranten, brauchen eine Aufenthaltserlaubnis und die setzt ausreichende Deutschkenntnisse voraus. Und dann gibt es noch die Menschen, die die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen möchten. Vom Franzosen, der hier als Arzt arbeitet und besser Deutsch sprechen will, über den Flüchtling, der eine Aufenthaltserlaubnis braucht, bis zum Briten, der nach dem Brexit die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen will, finden sich alle möglichen Motive.

Welches Sprachniveau wird denn gefordert?

In der Regel müssen die Teilnehmenden das Niveau B1 nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen  erreichen. Damit kann man zB vereinfachte Nachrichten verfolgen, sich gut an Gesprächen über den Alltag, eigene Hobbys und Interessen und einfachen Diskussionen beteiligen und persönliche Briefe oder E-Mails verfassen. Das entspricht übrigens unserem „Alltagsdeutsch“, also dem eines durchschnittlichen Muttersprachlers.

Ich denke ja, dass A2 für die, die langjährige Berufserfahrung haben und aus bildungsfernen Familien kommen  ausreichen würde. Damit kann man einfache Alltagsgespräche führen, kurze Mitteilungen verstehen und einfache Notizen schreiben. Vieles weitere lernt man dann im Alltag und bei der Arbeit, indem man nachfragt. Für etliche Jobs z.B. im Handwerk würde das meiner Meinung nach ausreichen und für die Menschen, die einen Job suchen, vieles vereinfachen. Zumal sich viele mit unserem Testsystem schwer tun und daher das Ziel B1 schlicht unerreichbar ist.

Wie lange dauert das normalerweise um das Niveau B1 zu erreichen?

Wer in Vollzeit lernen kann, das heißt 5 Tage pro Woche Unterricht und das mit 5-6 Stunden pro Tag, kann das Niveau B1 nach 7 Monaten erreichen. Das sind immerhin 700 Stunden (600 Stunden Sprachkurs + 100 Stunden Orientierungskurs). In Coronazeiten hat das leider nicht so geklappt.

Will jemand bis zum höchsten Sprachniveau C1 kommen, braucht man im Normalfall etwa 1,5 Jahre und am besten auch Berufserfahrung.

C1 heißt man versteht alle Gespräche und die Nachrichten, kann jeden Text, auch Fachtexte, verstehen, sicher schreiben und sich beinahe mühelos an Diskussionen beteiligen. Dann hat man fast muttersprachliche Kenntnisse. Am Ende steht übrigens immer eine Prüfung.

Da sind wir ja schon bei Thema besondere Herausforderungen beim Deutschlernen. Als Deutscher denkt man da immer an die Grammatik 🙂

Das liegt vielleicht daran, dass man als Deutsche/r immer noch die Grammatik-Übersetzungsmethode im Sinn hat, wenn man an Fremdsprachenunterricht denkt. Aber bei einem kommunikativen Ansatz spielt Grammatik eine untergeordnete Rolle und ist Mittel zum Zweck.

Das Ziel ist, verstanden zu werden und sich verständlich zu machen.

Oft hängt  der Lernerfolg gar nicht so sehr von der Sprache an sich ab, sondern von vielen anderen Faktoren. Da spielen zum Beispiel das Umfeld mit Familie und häuslicher Situation eine Rolle. Wer nicht in Ruhe lernen kann, hat es schwerer als andere. Dazu kommen die Lernerfahrungen und der Bildungshintergrund, die jemand mitbringt, bei Flüchtlingen sind es oft auch traumatische Erlebnisse, die dann beim Lernen hindern, und nicht zuletzt ist der kulturelle Hintergrund wichtig. Ganz wichtig sind natürlich auch die persönliche Einstellung ,der Wille etwas zu erreichen und greifbare Ziele. Wer seinen Deutschkurs erfolgreich abschließen will, muss Verantwortung für sein Lernen übernehmen. Das gilt ja genauso für uns, wenn wir erfolgreich sein wollen. Das ist jetzt einfach dahin gesagt. Aber ein Mensch, der in einer Diktatur gelebt hat, kennt oft weder eigene (Lebens-)Ziele, noch eigene Verantwortung. Das ist ja genau das, was in totalitären Systemen nicht sein darf. Das muss dann hier erst mühsam erlernt werden.

Wichtig ist mir aber: die allermeisten unserer Teilnehmenden meistern ihre Schwierigkeiten und schließen ihre Kurse erfolgreich ab. Ich denke da an Frauen, die neben dem Beruf, Haushalt und der Kindererziehung lernen und erfolgreich ihre Prüfung abschließen.

Die hohe Erfolgsquote hat sicher auch damit zu tun, dass wir an der vhs Karlsruhe Sozialarbeiterinnen haben, die uns sehr unterstützen, wenn es Schwierigkeiten gibt. Das hat schon vielen, den Teilnehmenden sowie auch uns Kursleitenden geholfen.

Das hört sich auch nach großen Herausforderungen für die Dozent*innen an?

Stimmt. Eigentlich müsste ich als Dozentin den kompletten Lebenslauf von jedem Teilnehmenden kennen, um ihn/sie bestmöglichst zu fördern. Geht natürlich so nicht. Ich versuche Probleme rasch zu erkennen und dann mit passenden Maßnahmen zu unterstützen. Das kann ein Tipp zum Vokabellernen sein, positives Feedback, ein kurzes Gespräch hier und da oder auch ein Termin/Gespräche mit unserer Sozialarbeiterin.

Was hat sich durch Corona verändert?

Zum einen gibt es jetzt so genannte Blended Learning-Kurse. Da arbeiten wir in den Kursen abwechselnd in den Räumen der vhs und dann treffen wir uns in einem virtuellen Kursraum. Das bietet ganz neue Möglichkeiten zu lernen, z.B. für Berufstätige. Sie können jetzt einfacher an einem Kurs teilnehmen. Vor allem die Technik und der Umgang mit dem digitalen Lernen haben uns und die Teilnehmenden vor neue Herausforderungen gestellt.

Spielen die deutsche Lebensart, unsere Werte oder die Tagespolitik im Unterricht eine Rolle?

Gerade diese Themen sind z.B. im Orientierungskurs wichtig. Den mag ich eigentlich sehr gern, weil wir gerade da diskutieren, was es heißt in Deutschland zu leben. Welche Werte wir hier haben, die Gleichstellung von Männern und Frauen, dass Religion und sexuelle Orientierung Privatsache sind, dass uns Meinungsfreiheit und die Grenzen unserer Freiheit, die Rechte, aber auch Pflichten in einer Demokratie sehr wichtig sind. Nicht jeder versteht, dass man hier für jede Idee demonstrieren kann und sei sie auch noch so abstrus. Mancher muss erst verstehen, dass zur Freiheit auch Pflichten bzw. Verantwortung gehören, z.B. zur Wahl zu gehen und zu arbeiten und Steuern zu zahlen. Mancher Teilnehmer findet es ja schon komisch, wenn wir von Müllmann und Müllfrau sprechen und dass wir Gleichberechtigung mit Gendersternchen in Texten zum Ausdruck bringen.

Wir sprechen dann auch über die Grenzen der persönlichen Freiheit, z.B. warum Schimpfwörter und hateposts, egal gegen wen, nicht gehen, oder über aktuelle Themen, wie Impfen, Maskenpflicht oder den Nahost-Konflikt. Mir ist wichtig, dass meine Teilnehmer*innen anfangen, über diese Themen nachzudenken und lernen, wo sie neutrale Informationen bekommen. Wir sprechen dann darüber, warum es wichtig ist, eine politische Haltung zu haben und was das für eine Gesellschaft bedeutet. Als Dozentin versuche ich mit meiner Haltung, Toleranz und Offenheit eine Beispiel zu geben, ich will niemand eine Meinung vorgeben, aber ich will die Teilnehmer*innen zum Nachdenken anregen.

Kann man Deutsch auch lernen ohne einen Kurs zu besuchen?

Prinzipiell würde ich sagen “Nein” oder “Nicht so gut”, schließlich basiert Sprachenlernen auf Kommunikation und das funktioniert nur in der Gruppe mehr oder weniger lebensnah. Aber es gibt tatsächlich immer wieder seltene Ausnahmen, die in die Einstufung kommen und hoch eingestuft werden und durchaus ein gutes Niveau haben, obwohl sie allein gelernt haben. Das finde ich bewundernswert, aber nicht unbedingt für jeden ratsam!

Was ist besonders an der vhs Karlsruhe?

Ich arbeite gern an der vhs, weil es sich um eine seriöse Bildungsinstitution handelt. Es gibt wöchentliche Einstufungsberatungen für die, die Deutsch lernen wollen. Im Unterricht und bei den Prüfungen geht es korrekt und transparent zu. Da sind die Ansprüche der vhs hoch, an sich selbst, an die Kolleg*innen und die Dozent*innen. Ich finde die vhs auch sehr kundenfreundlich und die Sozialpädagoginnen sind schon was ganz besonderes.

Es macht mir Spaß, an der vhs Karlsruhe zu unterrichten, da wir gut als Team zusammenarbeiten. Wir tauschen uns als Kolleg*innen und mit den Mitarbeiter*innen in der Deutschabteilung aus. Ich fühle mich da in meinen Ideen unterstützt. Das ist einer der Gründe, warum ich mich gerne einbringe, es ist halt nicht ein 0815 Job hier.

Lesen Sie, was Kurs-Teilnehmer*innen sagen