Warum Leben ohne Literatur undenkbar ist – Interview mit Dozentin Monika Miller

Warum vhs?

Ich wurde von einer Mitarbeiterin der vhs angesprochen, ob ich mir das vorstellen könnte. Die Erwachsenenbildung hat mich schon immer interessiert. Und als Gegenpart zu meiner Arbeit als Übersetzerin finde ich das gut. Als Übersetzerin sitzt man ja allein vor seinem Rechner und den Büchern. Die Arbeit an der vhs heißt rauskommen und Menschen treffen.

Wie kam die Literatur in Ihr Leben?

Die war schon immer da, ich habe immer, schon als Kind, viel und gern gelesen. Meine Diplomarbeit habe ich zu autobiografischen Arbeiten geschrieben. Literatur und Lesen bedeuten für mich Ausgleich.

Was ist Ihr Lieblingsbuch, welches hat Sie am meisten beeindruckt?

  • Virginia Woolf, “To the Lighthouse”
  • Gabriel Garcia Marquez, “100 Jahre Einsamkeit” und “Die Liebe in den Zeiten der Cholera”
  • Sylvia Plath, “The Bell Jar” (Die Glasglocke”) und 
  • immer wieder Gedichte, zum Beispiel von Pablo Neruda, Rose Ausländer oder Wislawa Szymborska, um nur einige zu nennen

Was wäre in Ihrem Leben anders ohne Literatur?

Das kann ich nicht beantworten, weil ich mir das gar nicht vorstellen kann.

Seit 2020 bieten Sie an der vhs den 30-minütigen Online-Livekurs „Mittagslese“ an. Was ist das?

Das ist ein  „To Go – Format“, das ich entwickelt habe. Es ist vor der Pandemie entstanden.

Die Mittagslese ist eine Möglichkeit, sich in der Mittagspause mit anderen und ungezwungen über ein Gedicht auszutauschen. Man kann einzelne Termine buchen, das ist ganz unkompliziert und ohne großen Aufwand, ideal zum Schnuppern.

Ich suche ein Gedicht aus, die Teilnehmer*innen bekommen das einen Tag vorher per Mail mit der Bitte es zu lesen. In den 30 Minuten der Mittagslese sprechen wir darüber.

Beim Lesen entsteht eine Meinung, es entsteht ein Verständnis für den Text, auch wenn einiges rätselhaft bleibt. Der Austausch miteinander bringt neue Einsichten. Man erkennt auch: Mein Verständnis  ist nicht das einzige. Das zu erleben, kann eine Bereicherung sein. Das macht was mit einem. Alle nehmen sich Zeit und teilen ihre Sicht miteinander. Für mich ist es ein Geschenk, mich mit anderen über ein Gedicht auszutauschen.

Wie groß ist das literarische Vorwissen Ihrer Kursbesucher*innen? Brauche ich beispielsweise für die Mittagslese Vorkenntnisse?

Nein, da kann jede*r mitmachen, man muss nicht das klassische Repertoire des Deutschunterrichts beherrschen.

Ich frage meine Teilnehmer*innen nicht nach dem Vorwissen. In den Kursen ist von jeder Gruppe jemand dabei, das reicht von der Schülerin, die im Abi steht, bis zum eingefleischten Lyrikleser. Manche entdecken dabei auch das Gedichtelesen und den Austausch als Wert. 

Was liegt Ihnen bei Ihren Kursen besonders am Herzen?

Bei meinen Kursen geht es immer um die Beschäftigung mit Sprache. Ich habe große Freude daran, Sprache neu zu entdecken. Wozu sind Worte fähig? Was kann Sprache erreichen? Welche Macht hat Sprache? Das ist immer wieder spannend herauszufinden.

Im Kurs sind aber auch “Zweifler” wichtig. Ich will nicht monologisieren. Bei mir stehen das Gespräch und der Austausch im Vordergrund. Neugier und Offenheit für Neues sind wichtiger als Vorwissen.

Wann ist Literatur tröstlich?

Das ist natürlich sehr individuell. Wenn ein Autor in der Lage ist, sein subjektives Erleben so in Sprache zu fassen, dass der Leser seine eigene Geschichte darin erkennt, dann kann das tröstlich sein, Mut machen.

Mir ging das zuletzt mit einem Vierzeiler des russischen Dichters Ossip Mandelstam so, der beginnt mit “Ein wenig Staunen noch”, geschrieben im Januar 1936. Diese vier Zeilen spiegeln für mich eine besondere Begegnung und ein Gespräch, die ich selbst hatte, so gut wider, dass ich dachte, Mandelstam hat uns beschrieben.

Ein wenig staunen noch, sei's nur für heute:
Über Kinder, Schnee und diese Welt –
Auf immer ungehorsam-ungebeugtes:
Dies Lächeln ist ein Pfad, den kauft kein Geld …
10. – 13. Dezember 1936

 

aus: Bahnhofskonzert: Das Ossip-Mandelstam-Lesebuch, Ossip Mandelstam, ‎Ralph Dutli, 2015

Das persönliche Erleben ist wichtig. Da gibt es kein richtig oder falsch. Literatur ist ja keine Mathematik, es ist wichtig, dass sie etwas bewirkt und das ist immer individuell. Speziell im Gedicht lässt sich Geheimnisvolles entdecken.

Wie begeistern Sie Ihre Teilnehmenden?

Ich bin vom Text und den dazu stattfindenden Diskussionen begeistert, das merkt man mir an, denke ich. Es geht mir nicht darum, jemanden von meiner Meinung zu überzeugen, sondern die individuelle Sicht auf einen Text zu ergründen. Eine Einteilung in gut oder schlecht ist nicht zielführend. In jedem Text lässt sich Neues entdecken. Nicht immer gelingt ein Eintauchen in den Text; entsteht ein Verständnis. Dann ist es interessant herauszufinden, warum das so ist. 

Bei Lyrik ist die Lesezeit sehr kurz, dafür nimmt das Nachdenken längere Zeit in Anspruch. Weil der Text ja verdichtet ist. Gedichte sind oft vieldeutig. Bei einem Roman ist es umgekehrt, da ist die Lesezeit lang, aber der Autor nimmt uns – meist ausgesprochen, im wahrsten Sinne des Wortes – mit auf seinen Gedankengang. 

Macht es in Zeiten von WhatsApp, YouTube und Emojis Sinn, einen Kurs zu besuchen, um Gedichte zu lesen oder zu schreiben?

Ja, da bin ich sicher. Wenn man liest oder schreibt, kann man dabei den Schatz der Sprache heben. Man kann sich dabei selbst entdecken; die eigene Stimme finden – im unmittelbaren Austausch mit anderen.

Ein Tipp, wie Du es schaffst, mit dem Schreiben zu beginnen

Welchen Literaturpodcast würden Sie empfehlen?

Den Podcast ZEIT für Literatur oder Was wir lesen der ZEIT, den Literatur-Podcast des DLF Kultur  oder SWR2 lesenswert.

Ihr Lieblingsbuch und Lieblingsgedicht?

Das sind so viele, da kann ich kaum den einen Lieblingsautor benennen. Das Thema Kommunikation fasziniert mich.

Das Gedicht „Nicht gesagt“ von Marie Luise Kaschnitz regt zum Andenken darüber an, was alles “nicht gesagt” werden kann oder darf, nicht nur in der Literatur.

Wie uns das Kommunikationszeitalter verändert, das ist interessant. Auch vor diesem Hintergrund lassen sich  Bücher von Juli Zeh und Peter Stamm, Autoren, deren Stil mich sehr fasziniert,  lesen.

Darüber hinaus mag ich illustrierte Bücher. So zum Beispiel das Kinderbuch „Dann geh ich jetzt, sagte die Zeit“ von Bettina Obrecht (Autorin) und Julie Völk (Illustratorin). Oder “Lost in translation: Unübersetzbare Wörter aus der ganzen Welt” von Ella Frances Sanders.

Welchen Klassiker würden Sie allen ans Herz legen?

Johann Wolfgang Goethe: „Die Leiden des jungen Werthers“.  Das ist so zeitlos. Da lässt sich entdecken, dass große Literatur zeitlos ist.

Was lesen Sie gerade?

„Der menschliche Makel“ von Philip Roth in Vorbereitung auf den Literaturclub (LINK). Davor habe ich „Der große Sommer“ von Ewald Arenz gelesen. Das ist eine Coming-of-Age-Geschichte. Es geht um die Gefühle der ersten großen Liebe, die Selbstzweifel und Wirrungen der Pubertät, um Glückserfahrungen, Enttäuschungen und Erkenntnisprozesse. Und ich habe den Gedichtband “Frauen / Lyrik – Gedichte in deutscher Sprache” mit über 500 Gedichten aus zehn Jahrzehnten zum täglichen Entdecken auf meinem Schreibtisch.

Wie bereitet man sich auf das Besprechen eines Gedichts vor?

Es ist ein detektivisches Lesen. Ich gehe analytisch an den Text, analysiere die Sprache und die Form. Und natürlich lese ich Sekundärliteratur.

Gibt es eine Lieblingsepoche, eine Lieblingsgattung in der Literatur für Sie?

Ja, ich lese gern zeitgenössischen Literatur. Und ich liebe Gedichte.

Es gibt ja unzählige Neuerscheinungen jährlich, Literatursendungen, Buchmessen, Empfehlungen, Kataloge, Blogs… Wie finden die neuen Bücher Sie?

Mein Mann überrascht mich immer wieder mit neuen Titeln. 

Und ich stöbere gern in Buchhandlungen. Da müssen mich zuerst die Aufmachung des Buches und die erste Seite, die Sprache, ansprechen, dann lese ich noch ein bisschen rein und entscheide mich für oder gegen den Kauf. In jeder Stadt, die ich bereise, besuche ich die Buchhandlung/en, auch im Ausland. Meine Lieblingsbuchhandlung ist das Konstanzer „Bücherschiff“. Wenn ich in Konstanz bin, gehe ich dort immer nach vielversprechenden Titeln Ausschau halten.

Wann lesen Sie print, wann digital?

Ich lese ausschließlich Print.

Lyrik in der Schule – meist ungeliebt und immer die Killerfrage: Was will uns der Autor damit sagen…

Das würde ich nie fragen. Ich frage lieber „Was hat der Text mit dir gemacht? Was kommt bei dir an? Warum?“

Literatur als Hilfe in schwierigen Zeiten, als “Pandemiehilfe”?

Eindeutig: “Ja!” Für mich trifft das vor allem auf Gedichte zu. Worte haben eine enorme Kraft. Ich habe ein Kursformat betitelt mit “ Die Kraft der Literatur”. Literatur hilft –  jeden Tag.

Ich halte es da mit Goethe: Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen. “

Wie gehen Sie mit der Corona-Pandemie um?

Gemeinschaft mit anderen tut – gerade in schwierigen Zeiten –  gut. Ich will mich mit Menschen austauschen. Deswegen biete ich auch Online-Formate an. 

Nach fast zwei Jahren zeigen sich aber bei mir  mitunter auch Zeichen von “Technik-Erschöpfung”. Die Sehnsucht nach einem unbeschwerten persönlichen Miteinander wächst.